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PlattformDigitalisierungMittelstand Juli 2026 von Alex Roehrs

Make, Buy or Platform: der dritte Weg für Fertigungssoftware

Make, Buy or Platform: der dritte Weg für Fertigungssoftware

Die Entscheidung für eine neue Fertigungssoftware beginnt meist mit einer scheinbar einfachen Frage: Kaufen wir eine Standardlösung oder entwickeln wir etwas Eigenes? In Wirklichkeit ist diese Dichotomie längst überholt. Es gibt einen dritten Weg — und er ist für die meisten mittelständischen Fertigungsunternehmen der überzeugendste.

Die klassische Entscheidung: Make vs. Buy

Make: Eigenentwicklung klingt verlockend. Das Unternehmen behält die vollständige Kontrolle, die Software passt exakt zu den eigenen Prozessen, und es gibt keine Abhängigkeit von externen Anbietern. In der Praxis zeigt sich jedoch: Eigenentwicklung von Fertigungssoftware ist teuer, zeitintensiv und endet häufig in einem Wartungsproblem. Wer heute eine Feinplanung selbst entwickelt, muss morgen Entwickler einstellen, die dieses System pflegen und weiterentwickeln. Fertigungssoftware ist kein Wettbewerbsvorteil — es sei denn, der Kernprozess des Unternehmens ist Softwareentwicklung.

Buy: Standardsoftware — klassische MES-Lösungen großer Anbieter — bietet gereifte Funktionalität, einen bekannten Support-Pfad und die Sicherheit einer breiten Installationsbasis. Das Problem: Standardsoftware wurde für einen Durchschnitt entwickelt, nicht für die spezifischen Prozesse eines einzelnen Unternehmens. Anpassungen sind möglich, aber teuer. Upgrades sind oft mit Customizing-Verlusten verbunden. Und die Reaktionsfähigkeit großer Softwarehäuser auf spezifische Mittelstandsanforderungen lässt häufig zu wünschen übrig.

Der dritte Weg: die Plattform

Eine Plattform ist weder Eigenentwicklung noch Standardsoftware — sie ist eine Architektur, die beides kombiniert: ein fertiges, erprobtes Fundament mit der Flexibilität, spezifische Anforderungen ohne Projekteaufwand abzubilden.

Das Konzept ist aus anderen Branchen bekannt. Shopify ist eine Plattform, kein Webshop-Standard. Salesforce ist eine Plattform, kein CRM-Standard. In der Fertigungssoftware ist dieses Modell jünger, aber es setzt sich durch — weil es die richtige Antwort auf die tatsächlichen Anforderungen des Mittelstands ist.

Was eine echte Plattform für die Fertigung ausmacht:

Merkmal 1: Gemeinsame Datenbasis, modulare Funktionen

Der kritischste Unterschied zwischen einer Plattform und einer Suite aus Einzellösungen ist die Datenbasis. In einer echten Plattform arbeiten alle Module — Feinplanung, Qualitätssicherung, Betriebsdatenerfassung, CRM — auf denselben Daten. Es gibt keine Schnittstellen zwischen Modulen, weil es keine Systemgrenzen gibt. Planungsänderungen sind sofort in der Qualitätssicherung sichtbar. Kundendaten aus dem CRM sind im Auftragsmanagement verfügbar. Das eliminiert den Synchronisierungsaufwand, der in Insellösungen einen erheblichen Teil der manuellen Arbeit ausmacht.

Merkmal 2: Konfigurierbarkeit statt Programmierbarkeit

Eine Plattform muss ohne Programmierkenntnisse konfigurierbar sein. Das bedeutet: Neue Produkttypen, geänderte Prüfpläne, angepasste Workflow-Logiken werden von Fachkräften in der Produktion oder Planung eingerichtet — nicht von IT-Spezialisten oder externen Consultants.

Low-Code-Werkzeuge, visuelle Workflow-Builder und parametrierbare Dashboards sind die Voraussetzung dafür. Unternehmen, die diese Flexibilität haben, können auf Marktveränderungen und neue Kundenanforderungen in Wochen reagieren — nicht in Quartalen.

Merkmal 3: Offene Schnittstellen nach außen

Eine Plattform ist kein geschlossenes System. Sie muss über standardisierte APIs mit ERP-Systemen, Maschinen (OPC-UA, MQTT), Kundenportalen und anderen externen Systemen kommunizieren können. Proprietäre Schnittstellen, die nur mit Mehraufwand integriert werden können, sind ein Zeichen dafür, dass ein System kein echtes Plattformdesign hat.

Merkmal 4: Deployment-Flexibilität

Die Frage „Cloud oder On-Premise" sollte eine Konfigurationsentscheidung sein, keine Architekturentscheidung. Eine echte Plattform läuft in der Public Cloud, in der Private Cloud und On-Premise auf derselben Codebasis. Das gibt Unternehmen die Freiheit, ihre Deployment-Entscheidung nach Compliance-Anforderungen, IT-Strategie und Kostenüberlegungen zu treffen — und sie bei Bedarf zu ändern.

Wann welcher Weg der richtige ist

Eigenentwicklung macht Sinn, wenn: die Fertigungsprozesse so einzigartig sind, dass keine bestehende Lösung auch nur annähernd passt; die IT-Kapazität vorhanden ist, ein internes Produkt dauerhaft zu pflegen; und Fertigungssoftware ein echter Wettbewerbsvorteil ist (selten).

Standardsoftware macht Sinn, wenn: die Prozesse vollständig den Anforderungen eines großen Standardsystems entsprechen; keine signifikanten Anpassungen erwartet werden; und die IT-Abteilung über Erfahrung mit dem spezifischen System verfügt.

Plattform macht Sinn, wenn: die Prozesse spezifisch, aber nicht einzigartig sind; Flexibilität und Implementierungsgeschwindigkeit wichtiger sind als maximale Kontrolle; und das Unternehmen in den nächsten Jahren wachsen oder sich verändern wird.

Für die meisten mittelständischen Fertigungsunternehmen ist das die Plattform. Nicht weil sie perfekt ist, sondern weil sie das beste Gleichgewicht zwischen Standardisierung und Flexibilität bietet — zu einem Total Cost of Ownership, der für Mittelstandsbudgets realistisch ist.